chrifrautschi:u.n.i.n.t.e.n.t.i.o.n.a.l.a.r.t.a.c.t.i.v.i.s.m






Some texts about something





"Haus am Gern" für die Monographie von Haus am Gern 2010

„Wo ist eigentlich das Haus am Gern?“, werde ich oft gefragt.
Die Wegbeschreibung tönt zwar kompliziert, ist aber eigentlich einfach:
Du gehst erst mal links, der Provokationslinie entlang. Einen Klaps weiter, beim fallenden Rössli biegst du ab Richtung Fremder Sender, alles gerade aus bis zum Baubüro. Dort schlägst du einen Haken am Paechtbrotbaum vorbei. Nach ca. 475 Metern hörst du die Hasenglocke ... eigenartiger Effekt... und gehst direkt in den Park. Bleib dort auf dem Hauptweg, denn beim streikenden Museum hängen die Young Responsible Artists rum, Artistfuckers, Gestalten in Kukluxclan-monturen hauen Scheiben ein und es wimmelt von Naked People Findern. Du kommst nun zum geschichtsfreien Raum, fragst den Art process Inspector nach dem Schlüssel. Von dort aus kannst du’s bereits sehen; es befindet sich gleich neben dem Turm von Münchhausen.
Auch wenn dir die Beine zappelig geworden sind: Haus am Gern zu finden ist nun wirklich Pipifax!!!

Je ne sais quoi.

Vielleicht soviel: ZGGHAGSWDWL !!!!
(Zum Glück gibst Haus am Gern sonst wäre die Welt langweiliger!)



"Ein Kunstwitz" Kolummne Bieler Tagblatt 2013

Das Wetter war im Februar so kalt, dass meinen Wiener Künstlergästen die Lust abhanden kam, Biel spazierend zu erforschen. Dies führte dazu, dass wir viel zu früh im Restaurant St.Gervais einkehrten und schon am späten Nachmittag dazu übergingen, uns Witze zu erzählen. Ich kenne zwar keinen einzigen Witz, Julia hingegen konnte nicht mehr aufhören. Irgendwann kamen wir dazu, uns zu fragen, ob es eigentlich keine Kunstwitze gäbe. Niemand von uns hatte je von Kunstwitzen gehört und so dachten wir uns, wir könnten ja eventuell ein Kunstwitzebuch herausgeben. Dummerweise wurden wir aber bei diesem Gedanken wieder nüchtern: Ein Kunstwitzebuch wird niemand kaufen. Über Kunst macht niemand Witze. Kunst wird von den einen ganz schön ernst genommen. Die anderen verachten sie oder geraten in Wallungen. Das ist auch nicht witzig.
Die Kunst ist ein armes Tierchen. Immer wenn Kulturen ins Barbarische kippen, kommt es auf die Schlachtbank. Hitler, die Taliban und die Spinner in Mali... alle gehen ähnlich vor. Unser Freund Orban von Ungarn ist auch kein Kunstfreund. Und so kommt mir in den Sinn: Das ist vielleicht auch der Witz an der Kunst: Kunst sollte vielleicht kitzeln, nerven, verunsichern. Kunst sollte vielleicht etwas anderes sein als monumentale Stalinfiguren oder Ölbilder zur Huldigung von Fabrikanten. Kunst muss vielleicht ein Stachel sein im Fleisch der Selbstgefälligkeit, eine Fliege an der Decke, deren hilfloses Summen einen zum Wahnsinn treibt, und man alles unternimmt sie totzuschlagen.
Manche Passanten werden sich, wenn sie an meinem Kunstraum an der Hugistrasse 3 vorbeigehen, denken: Soll das ein Witz sein? Die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, denn ich bin mir selbst oft nicht sicher, wo einen die Kunst hinführt: Auf die Hügel der technischen Brillianz, auf die Kissen der Wohlgefälligkeit, auf die Felder der Langeweile, in den Sumpf des Trübsals oder ganz einfach aufs Glatteis.
Ohne Witz! Das ist der Grund, warum ich seit meiner Jugend nicht mehr von der Spielwiese Kunst loskomme. Helfen Sie mir!



"Curators" Magazin Schweizer Kunst 2013

Obwohl ich einen grossen Teil meiner Lebenszeit mit meinem Kunstraum Lokal-int und regelmässiger auswärtiger Ausstellungstätigkeit verbringe, ist bei mir die Berufszuschreibung „Kurator“ ein Witz. Ich habe keinen Beruf. Ich halte mich über Wasser. Mit einer Teilzeitstelle in der Notschlafstelle. Betreiber von selbst-organisierten-unabhängigen-off-wie-auch-immer-Kunsträumen müssen froh sein, wenn irgendeine Stiftung, ein Kanton, eine Gemeinde die Mietkosten übernimmt. Ich habe keinen Beruf, eher eine Berufung: Ich beute in Selbstausbeutung Selbstausbeuter aus. Viele KünstlerInnen leben im Prekariat. Unterste soziale Schublade. Dies verbindet mich mit ihnen. Ich bin nicht Herr von Gottes Gnaden, welcher über Karriere oder Nichtkarriere entscheidet, kann keine Kredite sprechen und biete kein Netzwerk von Schlüsselfiguren aus der Schickeria. Und ich bin ehrlich gesagt stolz darauf. Strukturen die auf Macht beruhen interessieren mich nicht.
Ich biete ein Gefäss, die Inhalte entwickeln die KünstlerInnen. Zusammen durchlaufen wir einen kuratorischen Prozess. Zusammen sind wir stark.
Dass Formate wie das Lokal-int eine gewisse Berechtigung haben ist vielen klar, bieten sie doch unbürokratischen Experimentierraum für die junge Kunstszene.
Schulterklopfen nimmt man gerne entgegen. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Kulturförderung in eine Sackgasse rast. Der representative Zirkus wird immer aufgeblähter, an der Basis wird’s immer enger. Wer hat dem wird gegeben. Wie in der richtigen Welt.
Es ist, wie wenn man den wichtigsten Fussballligen grosszügig Stadien baut, Trainingsplätze für Nachwuchspieler aber kaum unterstützt weil damit kein Prestigegewinn einhergeht.
Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.
Mir geht es super aber vor dem inneren Auge schwant mir, dass es irgendwann wieder so etwas wie Opernhauskrawalle geben wird. Wenn dieser Zeitpunkt da ist, werde ich dabei sein und Fahnen schwingen. Eventuell.
Peace & Love



"Netz-werke" about Nicolas Raufaste 2015

Nicolas Raufaste’s Arbeiten sind Gedankengebäude, Assoziationsketten. Sein Blick ein beobachtender, dissidenter. Thematisch kreist er sozio-politische Fragestellungen ein. Relationen zwischen Gegenständen, ihrer Herkunft, ihrer Wirkung können das sein. Seine Settings sind aber nie plakativ, die Aussagen bleiben flirrend. Es geht nicht primär darum Fragen zu beantworten, sondern sie zu stellen.
Zur Herstellung seiner Fragenkabinette bedient sich Nicolas Raufaste einfachster Mittel. Eine Reminiszenz an Arte Povera sozusagen. Fotos auf Copyshop-Prints, Objects trouvés und Readymades bevölkern sein Universum.
Nicoals Raufaste’s künstlerisches Schaffen hört aber nicht bei der Konzipierung und Produktion individueller Arbeiten auf. Denn er verortet sich im Kollektiven. Spielend und spielerisch verbindet er Rollen und Arbeitsweisen. Künstler, Kurator, Musiker. Seine Projekte können Kunst sein, sind aber mit den Mitteln der Musik hergestellt. In der Rolle des Kurators ist er ebenso Künstler. Sucht die Erkenntnisvermehrung und einen kollektiven Prozess der am Schluss zu einem Resultat führt, bei welchem die Zuordnungen der Rollen der einzelnen Akteuere verschwimmt.
Vielleicht könnte man sagen dass die Werke des Künstlers Raufaste Netz-werke sind. Und lediglich die Materialität variert: Gegenstände aller Art, Räume, Menschen, Töne..



„Die BASIS revolutioniert den Überbau (Karl Marx)“ Saaltext für die Gruppenausstellung Die Basis im Kunsthaus Langenthal, 2015

Die BASIS, welche hier den musealen Raum infiltriert, wurde aus den Theorien über den Mehrwert von Karl Marx extrahiert und in das grösste Fernerkundungs- und Trägerschiff der Terraner für intergalaktische Flüge umgebaut. Die BASIS des Himmelfahrtskommandos ist die Einladung von Mathias Liechti, Ramon Feller und Simon Fahrni an zahlreiche KünstlerInnen zur kollaborativen Expedition ins Ungewisse.
Alles ist offen. Bis und mit der Form der Beteiligung der einzelnen Eingeladenen. In Perry Rhodans Geburtshoroskop steht der Mond im Zeichen Steinbock. Es geht um den Versuch der Schaffung eines auf höherer kosmischer Evolutionsstufe stehenden geistigen Kollektivwesens.
Einige Akteure finden sich ein. Andere sind nicht in der Gegend. Protokolle der Treffen werden verschickt. Es schalten sich Abwesende über Mail ein. Ideen werden geboren, Ideen werden verworfen.
Die BASIS funktioniert basisdemokratisch. Jeder darf etwas einbringen. Die Aktiveren und an den Treffen Anwesenden diskutieren und entscheiden. Der Prozess nimmt seinen Lauf und materialisiert sich in rohem MDF. In einem modularen Garderobensystem. Die BASIS hat entschieden. Das Kommandounternehmen kapert das Museumsschiff und dringt nach Quostoht vor.
Basta.
Die positive Aufhebung des Privateigentums, als die Aneignung des menschlichen Lebens, ist daher die positive Aufhebung aller Entfremdung, also die Rückkehr des Menschen aus Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches, d.h. gesellschaftliches Dasein.
Nach getaner Arbeit werden die Raumanzüge an der Garderobe getrocknet.

¡Muchos recuerdos de mi parte!
Chri Frautschi / lokal-int aus Montevideo

(Montevideo liegt in einer anderen Galaxie. Uruguay wird von einem Ex-Tupamaro regiert.)



„Diesianismus“ für die Monographie von Monsignore Dies, 2015

Monsignore Dies hat mit der katholischen Kirche nichts an seinem Hut. Darum ist Dies eigentlich kein Monsignore.
Dies hier ist eine Behauptung. Dies ist aber eine kreuzfalsche Behauptung.
Dies ist eben doch ein Monsignore. Einer der mit der katholischen Kirche nichts an seinem Hut hat. Denn programmatischer könnte der Name Monsignore gar nicht sein.
Monsignore Dies ist ein Zeremonienmeister.
Er steht wie ein Strassenprediger die ganze Nacht in einer einsamen Gasse in Solothurn und grilliert Würste. Für all jene, die da vorbeikommen mögen. Und auch für die, welche nicht vorbeikommen werden. Er kasteit sich und sitzt 48 Stunden im Lokal-int. Legt dabei Weihnachtsplatten auf und beschallt den ausgestorbenen Vorplatz. Er baut einen Raum im Raum. Einen klaustrophobischen, gebetsraumartigen Verschlag. Mit tonnenweise Holztäfer. Zwei Tage später ist der Spuk vorbei. Er kreiert Performances jenseits des guten Geschmacks und tritt auf wie ein Priester, der uns mit der Frage betraut, was guter Geschmack überhaupt ist oder sein könnte. Er erschafft Installationen, Anhäufungen von zusammengefundenem Tand kombiniert mit Artefakten aus Dies’scher Werkstatt und Monitoren, auf welchen er uns seine Religion näherbringt.
Er führt uns in sein Universum ein ohne jeden Missionarsgeist. Aber mit der Selbstverständlichkeit eines Erleuchteten setzt er uns verdorbenes Hackfleisch vor. Und steht in Ehrfurcht vor diesem biologischen Prozess.
Seine Reliquien kommen aus den Brockenstuben und Flohmärkten. Aus den Mulden der Gewerbler und der Kleinindustrie. Sie finden barmherzige Aufnahme in seinem Lager, welches überquillt und überbordet. Sie werden gehegt und gepflegt, verändert und manipuliert und schlussendlich eingebaut in altarhafte Inszenierungen.
Monsignore Dies will mit seiner Arbeit nichts erreichen. Das hat er nicht nötig, weil er ist beseelt. Die Dinge müssen getan werden. Egal was es kostet. Egal was es einbringt.
Er will uns auch nichts sagen. Er will uns nur verkünden. Vom gelobten Land, das B-Movie, Garage-Rock’n’Roll, Splatterkult verspricht.
Das Resultat sind Kunstwerke, die 100% integer sind. Und 100% eigenwillig, 100% eigenständig, 100% kompromisslos, 100% skurril, 100% erfrischend.
Wie wohltuend es doch ist in einer Zeit, wo die Götter wieder ihren Machtanspruch auf der Erde geltend machen, wenn einer seine eigene Religion erschafft. Gemacht ausschliesslich für ihn. Die anderen dürfen zuschauen und sich daran erfreuen...




© 2006 chri frautschi. coded by.